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Legacy ablösen, ohne alles zu reißen

Geschrieben von Matthias Frick | 02.04.2026 08:27:19

01.04.2026: Ein Komplett-Relaunch klingt verlockend: Tabula rasa, moderner Stack, alles richtig machen. In der Praxis bedeutet es: 18-24 Monate Parallelbetrieb, Feature-Parität als bewegliches Ziel, ein Team das gleichzeitig altes und neues System pflegt - und am Ende ein Go-live unter enormem Druck, bei dem die Hälfte der Spezialfälle fehlt, die das alte System über Jahre gelernt hat.

Die typischen Legacy-Situationen

  • Magento 1 / 2 am Limit: Performance-Probleme bei großen Katalogen, Sicherheitsupdates laufen aus, Extensions sind inkompatibel. Aber 200+ Anpassungen stecken im Code, die niemand dokumentiert hat.
  • Eigenentwicklung aus den 2010ern: PHP 5.6, jQuery-Frontend, monolithische Datenbank. Die Original-Entwickler sind längst weg. Jedes Feature ist ein Risiko.
  • Etablierte Plattformen, veraltete Versionen: Intershop, Oxid, Shopware 5 - die Plattformen selbst sind nicht das Problem. Aber alte Major-Versionen, ausgelaufene Support-Zyklen oder fehlende Upgrade-Pfade erzeugen dieselben Herausforderungen wie eine Eigenentwicklung: gewachsene Komplexität, fehlende Dokumentation, eingeschränkte Weiterentwicklung
  • „Funktioniert ja noch": Das gefährlichste Szenario. Das System läuft stabil - aber nur, weil niemand es anfasst. Jede Weiterentwicklung ist blockiert, und wenn etwas bricht, kann niemand schnell genug reagieren.
 
Das eigentliche Problem ist nicht die Technik

Veraltete Technik ist ein Symptom. Die eigentliche Herausforderung ist, dass Geschäftslogik über Jahre in Code gewandert ist, den niemand vollständig versteht. Preisberechnungen mit 47 Sonderfällen. Versandregeln, die auf Datenbankabfragen basieren statt auf Konfiguration. Kundenspezifische Workflows, die als Quick-Fix entstanden und nie aufgeräumt wurden. Diese Logik muss verstanden, dokumentiert und überführt werden - nicht einfach „neu gebaut".

Kernaussage: Wer sein Legacy-System ersetzen will, muss es zuerst wirklich verstehen. Nicht den Code - sondern die Geschäftsregeln, die darin stecken.

Und genau darin liegt eine enorme Chance: Dieser Prozess zwingt dazu, Abläufe zu hinterfragen, die seit Jahren niemand angerührt hat. Brauchen wir diese 47 Sonderfälle wirklich - oder sind 12 davon obsolet? Können wir Preislogiken vereinfachen? Prozesse automatisieren, die bisher manuell liefen? Das Ergebnis einer guten Migration ist nicht nur ein neues System - sondern dokumentierte, optimierte Geschäftsprozesse, die bereit sind für moderne Automatisierung und KI-gestützte Weiterentwicklung.

Schicht für Schicht modernisieren - am Beispiel Spryker

Statt das alte System auf einen Schlag zu ersetzen, ziehen wir eine moderne API-Schicht ein, die als Vermittler zwischen Frontend, Backend-Systemen und bestehender Infrastruktur fungiert. Das Legacy-System bleibt laufen - wird aber Stück für Stück entlastet und abgelöst.

So gehen wir vor

  • Phase 1 - Bestandsaufnahme & Prozessanalyse: Wir durchleuchten das bestehende System: Welche Module gibt es? Welche Abhängigkeiten bestehen? Wo steckt kritische Geschäftslogik? Gleichzeitig hinterfragen wir gemeinsam mit den Fachabteilungen: Welche Prozesse sind noch zeitgemäß - und welche sind Kandidaten für Vereinfachung oder Automatisierung?

  • Phase 2 - API-Schicht einziehen: Eine zentrale API-Schicht (z. B. Sprykers Glue API oder eine eigene API-Plattform) wird zwischen Frontend und Backend-Systeme geschaltet. Sie abstrahiert die Komplexität der darunterliegenden Systeme - das Frontend spricht nur noch mit dieser Schicht, nie direkt mit ERPs oder Legacy-Backends.

  • Phase 3 - Erstes Modul herauslösen: Wir beginnen mit einem Modul, das hohen Geschäftswert hat, aber wenige Abhängigkeiten: typischerweise Suche, Produktkatalog oder Kundenauthentifizierung. Dieses Modul wird in der neuen Architektur gebaut und über die API-Schicht angebunden.

  • Phase 4 - Schrittweise umschalten: Über die API-Schicht wird der Traffic für das neue Modul schrittweise umgeleitet. Bei Problemen: sofort zurück auf das alte System. Das Legacy-System läuft parallel weiter, bis das neue Modul validiert ist.

  • Phase 5 - Modul für Modul weitergehen: Jedes weitere Modul durchläuft denselben Zyklus. Die Reihenfolge bestimmen wir nach Geschäftswert und Migrationsrisiko. Am Ende bleibt vom Legacy-System nur noch eine leere Hülle - die abgeschaltet wird.

 
Spryker Glue API als Vermittlungsschicht

Spryker trennt die Architektur konsequent in Schichten: Frontend, API-Schicht (Glue API), Geschäftslogik (Backend) und Infrastruktur. Die Glue API ist der zentrale Zugangspunkt - sie stellt standardisierte Endpunkte bereit, hinter denen beliebige Backend-Systeme stehen können. Während der Migration kann die API gleichzeitig auf das alte und das neue System zugreifen - und schrittweise umschalten.

Backend-Systeme darunter positionieren

ERPs, PIMs, Lagerverwaltung - diese Systeme werden unterhalb der API-Schicht angebunden und können unabhängig voneinander ausgetauscht oder modernisiert werden. SAP, Dynamics, Eigenentwicklungen - alles dockt über standardisierte Schnittstellen an. Das Commerce-Frontend merkt davon nichts.

Warum dieser Ansatz funktioniert

Klassische Migrationen scheitern an der Gleichzeitigkeit: Alles muss auf einmal funktionieren. Die Schichtenarchitektur löst genau dieses Problem. Jede Schicht kann unabhängig modernisiert werden. Das Frontend kann heute schon modern sein, während das Backend noch ein halbes Jahr braucht. Und: Neue Features werden direkt in der neuen Architektur gebaut - jedes Feature beschleunigt die Migration, statt sie zu blockieren.

Drei Migrationspfade aus der Praxis

Von Magento zu einer modernen Commerce-Plattform

Magento bleibt zunächst als Backend bestehen. Ein neues Headless-Frontend wird davor geschaltet und nutzt die Magento-REST/GraphQL-API. Parallel werden einzelne Backend-Funktionen herausgelöst: Suche wandert zu Elasticsearch, Preisberechnung wird über die API-Schicht entkoppelt, der Checkout wird modernisiert. Magento wird schrittweise auf seine Rolle als Bestelldatenbank reduziert - und am Ende durch eine Plattform ersetzt, die zur Situation passt: Spryker, commercetools, Shopware oder SAP Commerce Cloud.

SAP Commerce Cloud modernisieren

Nicht jede SAP-Installation braucht einen Plattformwechsel - oft ist Modernisierung innerhalb des Ökosystems der bessere Weg. Wir entflechten gewachsene Customizations, ersetzen veraltete ImpEx-basierte Integrationen durch saubere API-Anbindungen und nutzen die aktuellen SAP-Commerce-Funktionen (Composable Storefront, Integration API). Gleichzeitig werden Drittanbieter-Services (Suche, PIM, Pricing) über eine API-Schicht angebunden - so wird die Architektur flexibler, ohne die bestehende Investition aufzugeben.

Von Eigenentwicklung zu Standard + Erweiterung

Eigenentwicklungen sind oft die anspruchsvollsten Migrationen - weil die Geschäftslogik nirgends dokumentiert ist und vollständig im Code lebt. Hier investieren wir besonders viel in Phase 1: Systematische Erfassung der Geschäftsregeln durch Code-Analyse, Datenbankauswertung und Interviews mit den Fachabteilungen. Das Ergebnis ist ein Geschäftsregel-Katalog - und gleichzeitig die Grundlage, um Prozesse zu hinterfragen: Was davon ist noch nötig? Was kann vereinfacht, zusammengelegt oder automatisiert werden? Was kann in Zukunft KI-gestützt ablaufen? Die Migration wird so zur Chance, nicht nur die Technik zu modernisieren, sondern die Geschäftsprozesse insgesamt zukunftsfähig zu machen.

Wichtig: Kein Migrationspfad ist wie der andere. Diese Szenarien sind Ausgangspunkte - die konkrete Strategie ergibt sich immer aus der Analyse Ihres spezifischen Systems, Ihrer Teamkapazität und Ihrer Geschäftsprioritäten. Wir arbeiten technologieagnostisch: Ob Spryker, SAP Commerce Cloud, commercetools, Shopware oder Salesforce Commerce - wir empfehlen, was zu Ihrer Situation passt.

Was eine schrittweise Migration wirklich erfordert

  • Managament-Commitment für 12-24 Monate: Schrittweise Migration ist kein Sprint. Es braucht die Bereitschaft, über Monate parallel an Alt und Neu zu arbeiten - ohne den Druck eines fixen Stichtags.
  • Testabdeckung im Legacy-System: Bevor man Module ablöst, muss man wissen, ob die neue Version sich gleich verhält. Automatisierte Tests auf API-Ebene sind das Minimum -idealerweise ergänzt durch End-to-End-Tests der kritischen Geschäftsprozesse.
  • Team mit Doppelkompetenz: Das Migrationsteam muss sowohl das alte als auch das neue System verstehen. Rein externe Teams scheitern oft daran, dass sie die gewachsene Geschäftslogik nicht kennen. Rein interne Teams scheitern am fehlenden Know-how für den neuen Stack.
  • Feature Freeze ist unrealistisch: Das Geschäft steht nicht still, während migriert wird. Neue Anforderungen kommen - und müssen eingeplant werden. Unsere Strategie: Neue Features werden direkt im neuen System gebaut und beschleunigen so die Migration.
 
Risiko: Datenmigration

Bestands- und Kundendaten, Bestellhistorien, Preisvereinbarungen - alles muss sauber überführt werden. Wir migrieren Daten nicht am Stichtag, sondern kontinuierlich: Ein Synchronisationsprozess hält beide Systeme parallel aktuell. Am Tag der Umschaltung sind die Daten bereits im neuen System - geprüft und validiert.

Risiko: Unsichtbare Abhängigkeiten

Das Legacy-System hat über Jahre Verbindungen aufgebaut, die niemand dokumentiert hat. Ein Cron-Job, der nachts CSV-Dateien für den Großhändler generiert. Ein Webhook, der das Lager-System triggert. Ein Redirect, der SEO-Traffic auf alte URLs lenkt. Wir erfassen diese Abhängigkeiten systematisch in Phase 1 - mit Traffic-Analyse, Datenbankauswertung und gezielten Interviews.

Risiko: Motivation und Momentum

Lange Migrationen verlieren an Schwung. Nach 6 Monaten fragt das Management: „Sind wir schon fertig?" Das Problem: Nicht jede Phase liefert sichtbare Ergebnisse. Wenn das Team monatelang Backend-Infrastruktur umbaut - Datenbankmigrationen, Schnittstellenumbauten, Integrationsschichten - sieht das Frontend erstmal gleich aus. Das muss von Anfang an kommuniziert werden. Wir arbeiten deshalb mit transparenten Migrations-Dashboards: Welche Module sind migriert? Welche Datenflüsse laufen schon über die neue Architektur? Wie hat sich die Systemstabilität verändert? Fortschritt wird messbar - auch wenn er für den Endnutzer noch nicht spürbar ist. Und wo möglich, planen wir sichtbare Quick Wins bewusst zwischen die infrastrukturellen Phasen.